Lehrer dürfen keine Medikamente verabreichen

In einer Dienstbesprechung eines Lehrerkollegiums ist eine Mutter anwesend und bittet die gesamte Lehrerschaft um Mithilfe. Die Schule wird die Tochter der anwesenden Mutter als neue Schülerin aufnehmen. Das Mädchen ist seit Jahren an Diabetes mellitus erkrankt, die Einstellung der benötigten Medikamente ist ein schwerwiegendes Unterfangen. Das Kind gerät also regelmäßig in Notfallsituationen und soll nun von den Lehrern im Notfall die lebensrettende Spritze erhalten. In diesem Beitrag erfährst du, ob die Lehrer dazu gezwungen werden können.

Lehrer dürfen keine Medikamente verabreichen (Bild: Pixabay/Steve Buissine)

Die Mutter berichtet vom bisherigen Krankheitsverlauf, verteilt eine selbst erstellte Informationsmappe an jeden Kollegen und erläutert, wie man sich in welcher Notfallsituation zu verhalten habe. Zum Abschluss berichtet sie darüber, dass von nun an eine Notfallspritze im Kühlschrank des Sekretariats griffbereit läge. Im Notfall möchte sie, dass die Lehrkraft, die gerade ihr Kind beaufsichtige, die Spritze verabreiche, damit ihr Kind nicht stirbt. Zur Demonstration zeigt sie die Spritze sowie die Durchführung der Injektion in einen Softball.

Ein Raunen geht durchs Lehrerkollegium. Dürfen wir einem Schüler Medikamente geben, ohne dabei Gefahr zu laufen, gegen Gesetze zu verstoßen? Der Schulleiter scheint sich keine Gedanken darüber zu machen. Er verlangt regelrecht von den Anwesenden, die Injektion im Notfall durchzuführen.

So oder ähnlich könnte es jeder Lehrer in einer Dienstbesprechung oder Konferenz erleben. Dank Inklusion und zunehmenden Krankheiten im Kindesalter ist die Thematik, dass Lehrer Medikamente verabreichen sollen, häufiger auf der Tagesordnung als gedacht.

Im Grundsatz ist natürlich jeder Mensch dazu verpflichtet, in einer Notsituation zu helfen, wobei dazu auch Probleme im Zusammenhang mit einer Krankheit gehören. Es stehen also nicht nur Ärzte und pflegerisch geschulte Fachkräfte, sondern auch alle Bürger in der Pflicht, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Dazu gehören natürlich auch die Lehrkräfte.
In einer lebensbedrohlichen Situation ist die Lehrkraft also dazu verpflichtet, zu helfen, da sie andernfalls wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden könnte. 

Die Pflicht zur Hilfe sowie die tatsächliche Hilfeleistung in einer Notsituation sind allerdings deutlich abzugrenzen von der Verabreichung von Medikamenten im Schulalltag. Lehrkräfte dürfen grundsätzlich keine Tabletten, Salben oder Sprays verabreichen, sie können höchstens dem Wunsch der Eltern nachkommen, das Kind an die Einnahme zu erinnern. Die Verabreichung von Medikamenten ist nur erlaubt, wenn die Eltern der Schule eine Bescheinigung des Arztes vorlegen, aus der ersichtlich ist, wann und wie die Schule das Medikament verabreichen soll. Dazu müssen die Eltern sowohl die Schule als auch die betroffenen Lehrkräfte und das Land als Dienstherrn schriftlich von jeder Haftung im Zusammenhang mit dieser Hilfeleistung freistellen. Und selbst wenn diese Bescheinigungen vorliegen, obliegt es noch jeder einzelnen Lehrkraft selbst, ob sie die Verabreichung eines Medikaments vornimmt oder nicht. Dieses kann jeder Mensch für sich entscheiden und darf nicht zu einer Maßnahme gegen seinen Willen gezwungen werden. Hilfe im Rahmen der Möglichkeiten sieht für die helfende Person vor, dass sie leistet, wozu sie im Stande ist und wozu sie tatsächlich verpflichtet ist – und dieses ergibt sich ganz eindeutig aus dem Rufen um Hilfe derjenigen Menschen, die fachliche Ersthilfe leisten dürfen, wie Ärzte und ausgebildete Sanitäter, der Hausarzt um die Ecke, die Gemeindeschwester und sonstiges medizinisches oder pflegerisches Personal. Erste Hilfe vor Ort ist verpflichtend in den Erste-Hilfe-Maßnahmen wie Stabile Seitenlage, Herz-Lungen-Wiederbelebung, Absetzen des Notrufs usw. zu sehen.


Bei diabeteskranken Kindern, wie im oben geschilderten Fall, geht es darum, eine Glucose-Notfallspritze in der Schule zu haben, die im Notfall verabreicht werden soll. Die Schule kann dem Wunsch der Eltern nach dem Vorhalten einer solchen Spritze nachkommen. Jedoch können die Eltern nicht darauf bestehen, dass die Lehrkräfte diese auch verabreichen. Wenn sich eine Lehrkraft freiwillig dazu bereit erklärt, die Spritze zu verabreichen und die Eltern die benötigten Bescheinigungen vorlegen, ist das eine Freiwilligkeit, die allerdings nicht allen Lehrkräften auferlegt werden darf. 

Das Sozialgericht Dresden entschied in einem Fall, dass Lehrern zuzumuten sei, einem an Epilepsie erkrankten Mädchen ein Notfallmedikament zu verabreichen (Az.: S 47 KR 1602/19 ER). Die Ärztezeitung berichtete darüber. Das Urteil erscheint auf den ersten Blick bedenklich. Allerdings steht in den weiteren Ausführungen der Richter geschrieben, dass Lehrer und Erzieher nicht dazu verpflichtet werden können und beziehen die Zumutbarkeit lediglich auf das Epilepsie-Medikament, welches einfach zu verabreichen gewesen wäre.

Letztendlich spielt es keine Rolle, ob es sich um eine Spritze, eine Tablette oder ein Notfallspray handelt. Das Verabreichen von Medikamenten bleibt dem gesundheitlich versierten Fachpersonal vorbehalten. Kein Anderer kann gezwungen werden, ein Medikament zu verabreichen, wenn er sich nicht dazu in der Lage sieht oder ihm die nötigen Grundkenntnisse fehlen.

Ist ein Kind derartig schwer erkrankt wie die Tochter der eingangs beschriebenen Mutter, sollte den Eltern verdeutlicht werden, dass sie grundsätzlich und immer die elterliche Sorge für ihr Kind beibehalten und sie diese an der Schulpforte nicht abgeben können. 

Solltest du Lehrerin oder Lehrer sein, lass dich bitte nicht dazu zwingen, an Schüler Medikamente zu verabreichen. Hast du keine medizinische oder pflegerische Grundausbildung überlass es bitte den Menschen, die etwas davon verstehen. Gerade bei Spritzen (Injektionen) handelt es sich bei jeder Gabe um den Akt der Körperverletzung. Dieser wird nur ausgehebelt, wenn der Patient oder die Erziehungsberechtigten ihr Einverständnis geben. Dennoch bleibt die Durchführungsverantwortung bei demjenigen hängen, der die Injektion verabreicht.

Die Verabreichung von Medikamenten, insbesondere die Durchführung einer Injektion, darf Lehrern nicht zugemutet werden. (Bild: Pixabay/Angelo Esslinger)

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